Weiter auf der Küstenstrasse, Fähren und grau-nasse Ausblicke
Montag, 15.06.2026
Morgens kurz nach 10 Uhr warten wir am Fährhafen von Horn auf die Überfahrt nach Andalsvågen. Die Landschaft und die Strassenabschnitte Richtung Forvik präsentieren sich in tristem Grau und Nass. Später, auf der längeren Überfahrt nach Tjøtta kommen wir mit zwei jungen Menschen aus der Innerschweiz ins Plaudern. Die beiden sind vor zwei Monaten mit ihren Velos in Italien gestartet, haben bereits weit über 5'000 Kilometer hinter sich gelassen und reisen noch bis zum Nordkap. Als Gespann dürfen wir auch heute wieder als Letzte von der Fähre rollen. Das hat auch einen Vorteil, denn hinter uns ist es dadurch recht ruhig und wir müssen nicht so oft in die Ausweichstellen fahren, um den Verkehr nicht zu behindern. Nun haben wir also die Insel Alsten erreicht. Unser Weg führt uns noch einige Kilometer weit bis zum Sandnessjøen Camping, der irgendwo zwischen Søvik und Sandnessjøen liegt. Hier installieren wir uns auf einem felsigen Plateau direkt am Meer. Die „Sieben Schwestern“ – der namhafte Bergzug auf Alsten - verstecken sich heute allerdings komplett in den Wolken und wir rätseln, in welcher Richtung er wohl liegt.
Sandnessjøen und die Sieben Schwestern
Dienstag, 16.06.2026
Um 4 Uhr morgens öffne ich noch ziemlich verschlafen die Wohnwagentür und bleibe erst mal staunend stehen. Wo gestern noch graue Wolken hingen, ragen nun die Sieben Schwestern majestätisch vor mir in den Himmel. Ein wirklich imposanter Anblick.

Lange hält das Glück aber nicht. Später am Morgen wird es spürbar kühler und die Bergspitzen verschwinden schon wieder hinter den Wolken. Für eine Wanderung lädt das Wetter heute wirklich nicht ein. Also nutzen wir die Zeit für die Dinge,die auch gemacht werden müssen: einkaufen und aufräumen. Gegen Abend setzt sich die Sonne dann netterweise noch mal durch. Je später es wird, desto schöner wird das Licht - die ganze Landschaft bekommt eine goldene Stimmung.

Wir sind jetzt knapp südlich des Polarkreises und erleben die Weissen Nächte. Schünti hat sich ja schon vor einer Weile in eine absolute Nachteule verwandelt. Aber auch mir fällt es inzwischen schwer, den Weg ins Bett zu finden, wenn es draussen einfach dauerhaft hell bleibt
Adieu Kystriksveien
Mittwoch, 17.06.2026
Heute fahren wir erst um halb zwölf los. In Sandnessjøen fahren wir über die 1'065 Meter lange Helgelandsbrua, welche die Insel Alsten über den Leirfjord mit dem Festland verbindet. Als wir am Fährhafen von Levang ankommen, sehen wir die Fähre gerade noch hinter den nächsten Felsen verschwinden. Wir hatten schon eine bessere Planung.

Bis zur nächsten Abfahrt nach Nesna dauert es nun eineinhalb Stunden. Bald werden wir von einer ganzen Schar von Fahrzeugen umzingelt, die alle am Baltic Sea Circle, dem nördlichsten Rallye der Welt teilnehmen. Mit all dem, was es zu sehen gibt, vergeht die Zeit recht schnell. Als unser Autokennzeichen gescannt wird, erkennt das System dann einmal mehr nicht, dass wir einen Auto-Ferrypass haben, der die Preise bis zu 50% vergünstigt. Gut machen uns die Angestellten jedes Mal darauf aufmerksam und wir können den Irrtum klären. Aus unerfindlichen Gründen ist unser Subaru plötzlich als norwegisches Fahrzeug im System hinterlegt, was sie nun jedes Mal wieder anpassen müssen. Während der Überfahrt strolche ich etwas auf dem Deck umher und nutze die Gelegenheit, unser Wägeli von oben zu fotografieren. So können wir die reparierten Stellen einmal anschauen. Als Nesna näherrückt wird auch die markante Silhouette des Hausbergs Hammarøyfjellet sichtbar. Die Gegensätze von Fjord und Gebirge finde ich immer sehr reizvoll. Nach der Fährstation windet sich die Passstrasse bald in Serpentinen auf etwa 350 Meter über dem Meeresspiegel und gibt schöne Ausblicke frei auf den Sjonafjord und seine Umgebung.

Oben angekommen erwartet uns das Sjonfjellet, eine Hochebene - aktuell inklusive Baustelle. Die Abfahrt nach Utskarpen ist etwas sanfter, die Landschaft wird wieder grüner und bewaldeter. Bei Utskarpen verlassen wir die Küstenroute und fahren entlang dem Nordufer des Ranfjords durch landwirtschaftlich geprägtes Kulturland in Richtung Mo i Rana. Direkt nach Mo i Rana lassen wir die Fjordlandschaft hinter uns. Die Strasse folgt nun flach dem breiten Fluss Ranelva. Das Tal wird links und rechts von dichten Nadelwäldern gesäumt. Im Hintergrund erblicken wir bereits die schroffen Ausläufer des Saltfjellet-Gebirges. Wir fahren aber nur noch die kurze Strecke bis Røssvoll, wo wir auf einem Campingplatz, der auf einer Wiese zwischen Strasse und Fluss liegt, übernachten.

Die Qual der Wahl oder wohin die Reise geht
Donnerstag, 18.06.2026
Am Morgen strahlt die Sonne und wir wissen trotzdem nicht, wohin es heute gehen soll.

Die Wetterprognosen für Nordnorwegen zeigen für die nächsten vierzehn Tage fast nur Regensymbole. Oslo hingegen vermeldet schönes Wetter und angenehme Temperaturen. Nur sind 1000 Kilometer – insbesondere mit unserem Gespann – keine Distanz, die wir in zwei Tagen zurücklegen und eigentlich gibt es noch vieles, das wir in Nordnorwegen sehen möchten. Also hoffen wir, dass sich die Prognosen noch zu unseren Gunsten wenden und beschliessen in Richtung Storjord zu fahren. Wir wollen noch unsere Vorräte aufstocken und statten dem „Joker“, der gleich neben dem Camping steht einen Besuch ab. Die Ausbeute ist aber gering und so halten wir unterwegs nochmals, um unser Glück im Coop in Storforshei zu versuchen. Die schneebedeckten Gipfel des Saltfjellet- und Svartisennationalparks rücken auf der Fahrt immer näher. Am Saltfjellet, 80 Kilometer nördlich von Mo i Rana überqueren wir den nördlichen Polarkreis. Mitten in dieser Tundra-Landschaft steht das Polarsirkelsenteret mit Shop und kleinem Museum.

Nach einer Pause fahren wir weiter und bald schlängelt sich der Luonosjåhkå rechts von uns durch die Landschaft. Es ist ein wunderschöner, wilder Fluss und mit den schneebedeckten Gebirgszügen im Hintergrund wäre es heute ein tolles Fotosujet. Einmal mehr ist es leider nicht möglich anzuhalten. Der Campingplatz, den wir heute ansteuern, wird vom Saltdal Turistsenter geführt und liegt unmittelbar beim Nordland Nasjonalparksenter. Auf dem Areal gibt es auch eine Tankstelle und einen grossen Parkplatz, wo viele Trucks stehen und parken. Das ganze ist recht lärmig und unser Platz ist gleich beim Eingang. Obwohl wir uns bereits halb installiert haben, fragen wir nach einer anderen Möglichkeit. Es fühlt sich gleich ganz anders an, einige Meter weiter, zwischen all den fest installierten putzigen Häuschen zu stehen.

Da es heute so sonnig ist, wollen wir den restlichen Nachmittag auskosten. Von der anderen Talseite lacht uns bereits der Kjemåfossen entgegen. Also laufen wir durch den Wald bergab, dann flussaufwärts bis zu einer kleinen Hängebrücke die wir einzeln queren, da es doch recht stark schaukelt. Noch ein Stück flussabwärts und wir stehen ein weiteres Mal vor der gewaltigen Naturkraft eines Wasserfalls. Wir folgen einem schmalen Pfad und steigen noch etwas hoch, wo sich die Sicht immer wieder verändert. Später am Abend kochen wir und lassen den Tag gemütlich ausklingen.
https://www.komoot.com/de-de/tour/3047521559

Frauenschuhe, Elch und Rehe
Freitag, 19.06.2026
Am Morgen besuche ich das Nordland Nasjonalparksenter und schaue mir die Ausstellungen über die Flora, Fauna und Geologie der umliegenden Nationalparks sowie einen Kurzfilm über verschiedene Nationalparks in Nordland an. Das Besucherzentrum vermittelt zudem Einblicke in die Lebensweise und Tradition der Samischen Bevölkerung. Zusätzlich gibt es eine Kunstgallerie, natürlich einen Shop und einen weitläufigen Aussenbereich.

Die Wetterprognosen, denen ich schon lange nicht mehr trauen sollte, prophezeien aufgelockerte Bewölkung für die nächsten zwei Stunden. So mache ich mich auf die Socken zum Junkerdalsura Canyon. Dort blüht im Juni der Gelbe Frauenschuh und ich hoffe, einige dieser wunderschönen Orchideengewächse zu sehen. Es ist ein gemütlicher Spaziergang durch die imposante Schlucht. Ich habe Glück und sehe kurz vor dem ersten Warnschild wegen möglichem Steinschlag die ersten Pflanzen. Die kurze Passage darf aber überquert werden und danach leuchten im grünen steilen Hang viele weitere Büschel gelb hervor.

Kurz darauf ist der Weg aber komplett verschüttet und es gibt definitiv kein Durchkommen mehr. Auf dem Rückweg fängt es leicht an zu nieseln. Schünti hat den Regen abgewartet und sattelt nun sein Bike. Er hat heute wahres Glück und begegnet auf seiner Fahrt dem ersten Elch und zwei Rehen. Nach Mitternacht zeigen sich an den Bergrücken und Gipfelflanken erste rötliche Streifen und die Wolken färben sich rosa.
https://www.komoot.com/de-de/tour/3049801880

Bleiben und Nichtstun
Samstag, 20.06.2026
Ich habe eine furchtbare Nacht mit Schmerzen im Bein. Um halb zwei halte ich es nicht mehr im Bett aus. Den Rest der Nacht verbringe ich auf unserer Rundsitzgruppe. Nach einem sehr gemütlichen Morgen mit Lesen und Kaffee spazieren wir am Nachmittag zum Nordland Nasjonalparksenter. Uschi kauft sich dort eine Wolldecke mit schönen nordischen Mustern. Währenddessen betrachte ich mir die Ausstellung.

Anschliessend schauen wir uns noch einen Kurzfilm über die verschieden Nationalpärke im Nordland an. Am Abend gehen wir zum ersten mal Essen. Im Saltdal Turistsenter gibt es das House of Burger Restaurant. Der Name ist Programm. Wir essen Burger mit Pommes. Kaffee und Dessert gibt es danach im Wägeli.

Fahrt im Regen nach Mørsvikbotn
Sonntag, 21.06.2026
Am Morgen ist es bewölkt und noch trocken. Heute kontrolliere ich erstmals auf unserer Reise den Füllstand unserer Gasflasche. Bis jetzt haben wir einen guten Drittel der Füllung verbraucht. So sollte der Gasvorrat eigentlich für die ganze Reise reichen. Sobald wir jedoch das Wägeli reisefertig machen fallen schon die ersten Tropfen. Wir fahren unserem geplanten Ziel entgegen dem Strømhaug Camping in Straumen. Hier sieht es jedoch eher trist aus und so fahren wir nach einer kurzen Beratung weiter. Neues Ziel ist der Mørsvikbotn Camping. Einige Kilometer nach Sørfjordmoen erreichen wir einen Rastplatz mit einer spektakulären Aussicht über einen See, umringt von gewaltigen Granitdomen.

Hier gönnen wir uns einen Kaffee mit Lefserull und Eplekake in der kleinen sehr gemütlichen Kobbskarhytta. Nach weiteren 10 km erreichen wir unser Ziel. Es ist und bleibt sehr nass.

Schnellstmöglich wird unser Wägeli geparkt und am Stromnetz angeschlossen. Danach wird sofort die Heizung eingeschaltet und schon bald wird es gemütlich warm, während draussen der Regen prasselt.

